Josef Argauer / Fußballer, Teamchef, Journalist, Erfinder, Talententdecker

Josef „Pepi“ Argauer, der heute 110 Jahre alt wäre, im Herbst 1985 im Horr-Stadion der Wiener Austria. Foto: privat.

Josef „Pepi“ Argauer, der heute 110 Jahre alt wäre, im Herbst 1985 im Horr-Stadion der Wiener Austria. Foto: privat.

Wenn heutzutage jemand mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ausübend für sich vereinen kann, dann würde man zu dieser Person wohl „Faktotum“ oder „Tausendsassa“ sagen. In früheren Zeiten hatte man im Fußball-Lande Österreich dafür lediglich einen Namen parat: Josef „Pepi“ Argauer.

Der Fußballsport bestimmte (s)ein Leben

Der – heute vor 110 Jahren – am 15. November 1910 in Wien-Simmering, Kaiser-Ebersdorfer Straße 18 geborene Josef Argauer kam noch in der sprichwörtlichen „guten, alten Zeit der Monarchie“ zur Welt. Bloß war die gute, alte Zeit entlang der Ringstraße anzutreffen und nicht in Simmering und schon gar nicht auf der „Had“ zu Hause. „Zwei Schmalzbrote und eine große Schale Tee mit einem Stück Zucker waren für uns Buben ein herrliches Nachtmahl.“, erzählte er oft Freunden und Weggefährten Jahrzehnte später beim Heurigen. Nach dem Ende des „Großen Krieges“ 1918 und die Jahre darauf gab es im XI. Hieb viel zu viele Buben, die bei den Schwarz-Roten des 1. SSC ballestern wollten. So zog es also den jungen Pepi, der bereits ein kräftiger Bursche war, über den Donaukanal. Am 1. Dezember 1924 trat er als 14-jähriger Jugendspieler dem Großklub WAC / Wiener Athletiksport-Club bei. Damals durfte man nicht früher bei einem Verein zu spielen beginnen.

Und er erinnerte sich an seine Anfänge: „Wir waren rund 40 Buben zwischen 13 und 14 Jahren. In der Mitte vom Platz haben sie uns aufstellen lassen und dann hat jeder einen Schuss, möglichst weit, machen müssen. Hast mit dem Spitz geschossen, hast auf der linken, hast mit dem Rist geschossen, hast auf der rechten Seite Position bezogen. Nach einigen Trainings bist dann in die erste oder die zweite Mannschaft eingeteilt worden. Und beim WAC, der damals ein ganz großer Verein war, haben wir zeitweise mit der ersten Mannschaft trainiert und dabei hast natürlich viel gelernt.“

Argauer blieb bis 1930 beim Prater-Verein und schaffte es in dieser Zeit auch bis ins österreichische Juniorenteam. Mit 20 Jahren folgte sein Wechsel zum Favoritner Sportklub und anschließend zum SpC Rudolfshügel. Argauer war in jenen Jahren bereits Profi, wobei es gemäß eigener Aussage keine Verträge gab und man nur zweimal in der Woche trainierte. Folglich arbeitete er nebenbei und gründete nach weiteren Stationen wie Sportklub Burgtheater und Wiener Rasensportfreunde – allesamt in der zweithöchsten Spielklasse ansässig – als Abteilungsleiter der Metallwarenfabrik R. Ditmar Geb. Brünner AG den SG Demon, der im Jahre 1939 anhand einer Fusion mit dem LAC / Landstraßer Athletik Club aufging. Argauer war in Wien III noch bis 1944 aktiv, ehe er bedingt durch eine Kriegsverletzung seine aktive Laufbahn beim LAC beenden musste. Sein allerletztes Spiel bestritt er am 12. Jänner 1944 in Graz, wo ihm in einer Wiener Auswahl stehend gegen eine niederländische Auswahl noch ein Bomben-Freistoßtor gelang.

Blick in die Sportredaktion einer großen österreichischen Tageszeitung der frühen 1950er Jahre. Die beiden Journalisten Josef „Pepi“ Argauer (links), sowie Robert „Nazl“ Brum im Recherchieren und Erfassen ihrer Artikel. Foto: privat

Blick in die Sportredaktion einer großen österreichischen Tageszeitung der frühen 1950er Jahre. Die beiden Journalisten Josef „Pepi“ Argauer (links), sowie Robert „Nazl“ Brum im Recherchieren und Erfassen ihrer Artikel. Foto: privat

Der Krieg ist aus

Argauer überlebte den Zweiten Weltkrieg, hatte aber zeitlebens sichtbare Erinnerungen daran, da ihm auf seiner linken Hand drei Finger fehlten. Nach der Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft im Juli 1945 humpelte er im August auf zwei Krücken gestützt durch die Simmeringer Hauptstraße. Die war damals von Autos nur spärlich befahren und auch der später in die Geschichte eingegangene „71er Tramwaywagen“ hinaus zum Zentralfriedhof verkehrte nur fallweise. Da kreuzte Franz Dumser seinen Weg. Argauer, der ein steifes Bein hatte, wollte mit dem Fußballsport nichts mehr machen, ließ sich aber von dem Ex-Internationalen Dumser überreden, dem am Boden liegenden 1. Simmeringer SC wieder neues Leben einzuhauchen. Die Liebe zum Fußballsport war wider Erwarten doch größer und so hievte Argauer den österreichischen Traditionsverein 1. SSC im Laufe der Jahre bis in die höchste Spielklasse.

Simmeringer Sport-Club – eine fixe Größe im Oberhaus

Als der kriegsversehrte Pepi Argauer als Trainer und späterer Sektionsleiter in Simmering im August 1945 anheuerte, war der Klub in der 1. Amateurklasse beheimatet. Über die Wiener Liga stiegen die Schwarz-Roten als Meister der Staatsliga B 1950/51 mit nur einer Niederlage ausgestattet in die damalige höchste Spielklasse, die Staatsliga A auf. Zum vorentscheidenden Saison-Meisterschaftsspiel in der drittletzten Runde gegen den GAK (2 : 0-Erfolg) waren über 6.000 Zuschauer auf die Had gekommen. Im Oberhaus hielt sich der Verein viele Jahre lang – 1956/57 mit Rang 5 die beste Saison-Platzierung in der Endabrechnung erreicht, der Zuschauerschnitt betrug 5.115 Besucher pro Heimspiel –  ehe Simmering zum Ende der Spielzeit 1963/64 erstmals wieder absteigen musste. Innerhalb von 6 Jahren führte Argauer, der auf der „Had“ (Simmeringer Heide) kaum finanzielle Mittel vorfand, in der Zeit von 1945 bis 1951 die Simmeringer von ganz unten nach ganz oben und konnte gemeinsam mit Coach Hans Hofstätter sen. jedes Jahr aufs Neue mit diesem Verein die Liga halten. Eine wahrlich beachtliche sportliche Leistung!

www.simmeringer-sc.at

Teamchef, Austria und Tageszeitung EXPRESS

Während seiner als Zeit als Sektionsleiter der Simmeringer trat Josef Argauer auch als Sportredakteur und als Teamchef in Erscheinung. Gemeinsam mit Josef Molzer betreute er zwischen 21. April 1956 und 9. August 1958 anhand von 18 A-Länderspielen (7 Erfolge, 6 Unentschieden bei 5 Niederlagen, so die Bilanz) die Österreichische Fußball-Nationalmannschaft, die an der Endrunde 1958 in Schweden teilnahm. Dort entdeckte Argauer etwas, das uns hier noch später beschäftigen wird, den Fußball in der Halle. 1961 holte ihn Joschi Walter zum FK Austria Wien, wo er als technischer Berater bis 1968 aktiv blieb. In den späten 1960er Jahren avancierte er zum Ressortchef Sport der damaligen Tageszeitung EXPRESS. Die hatte allerdings ihren Mitarbeitern verboten, bei Fußballvereinen vor Ort mitzuwirken. Was folgte, waren drei Jahre Pause vom aktiven „runden Leder“, denn als Angehöriger der „Schreibenden Zunft“ behielt Argauer den Fußballsport hierzulande natürlich weiterhin im Auge.

Wiener Sport-Club, abermals die Austria und Talentesucher

Im Juli 1971 trat Josef Argauer als Trainer beim Wiener Sport Club in Erscheinung und blieb den Dornbachern bis zum 29. August 1974 treu. Danach wurde er von Erich Hof abgelöst. Argauer wurde aber nicht gefeuert, er ging von selbst. Der Wiener SC fiel der Reform von 1974 – Bundesliga-Gründung mit 10 Vereinen in der 1. Division – zum Opfer und musste in die 2. Division absteigen. Es oblag Erich Hof, eine junge und hungrige Mannschaft für den Wiederaufstieg aufzubauen. Da kam erneut der Ruf von Joschi Walter. Der einstige RAPID-Kannonier a.D. Robert Dienst konnte als Austria-Trainer nicht Fuß fassen. Als Dienst im Jänner 1975 freiwillig das Handtuch warf, wurde Argauer für den Rest der Saison FAK-Trainer. Nicht aber, ohne dabei stets ein Auge auf hoffnungsvolle Talente geworfen zu haben. Und die Liste der von Pepi Argauer im Laufe der langen Jahre entdeckten Rohdiamanten ist lange und hier natürlich auch unvollständig.

 1. SSC-Sektionsleiter, ÖFB-Teamchef und selbst Journalist: Josef „Pepi“ Argauer (links, im Jahre 1956), weiß nur zu gut, was die Meute der „schreibenden Zunft“ hören möchte.  Foto: privat

1. SSC-Sektionsleiter, ÖFB-Teamchef und selbst Journalist: Josef „Pepi“ Argauer (links, im Jahre 1956), weiß nur zu gut, was die Meute der „schreibenden Zunft“ hören möchte. Foto: privat

Anbei ein kleiner Auszug: Siegfried Aigner, Johann Dihanich, Johann Drabek, Hans-Peter Frühwirth, Harald Gamauf, Josef Heiling, Josef Hickersberger, Karl Kodat, Edi Krieger, Thomas Mandl, Thomas Parits, Anton Pfeffer, Anton Resch, Alfred Riedl, Robert Sara, Franz Zach und so weiter … Pepi Argauer dazu im Klartext:

„Ich habe seinerzeit nicht nur die große Austria miterlebt, sondern natürlich auch den Wechsel in der Spielanlage in insgesamt 60 Jahren. Früher hatte man viel mehr Persönlichkeiten (Hirnfußballer) in Österreich. Die Stürmer wurden auch nicht so konsequent gedeckt und man hatte mehr Raum zu spielen. Jetzt legt man mehr Wert auf Kraft und Tempo.

Zum Fußball aber gehört Talent, nicht nur Kraft. Kraft kann man tanken, aber Talent muss einem in die Wiege gelegt werden. Trotzdem wird der Fußballsport immer leben und die Massen faszinieren.“

Schnapsidee „Fußball in der Halle“ – von Josef Argauer

Aller Anfang ist schwer. Diese Binsenweisheit bekam ich zu spüren, als ich 1959 die Idee hatte, Fußball in der Wiener Stadthalle zu spielen und salonfähig zu machen. Österreich war damals übrigens das erste Land in Europa, das dem Publikum Hallenfußball in Turnierform präsentierte. Auf die Idee kam ich, da seit der Einführung des Europacups 1955 die bis zu diesem Zeitpunkt üblichen, lukrativen Wintertourneen unserer Spitzenklubs immer mehr Mangelware wurden und die Vereine zwischen der Herbst- und Frühjahrssaison meist mit leeren Händen dastanden. Ich war zu dieser Zeit Betreuer des 1. Simmeringer SC und konnte davon auch ein Lied singen.

Es begann ein Spießrutenlauf, um meine Idee in die Tat umsetzen zu können. Begonnen habe ich beim ÖFB. Dort fand ich für die „Winterhilfe-Hallenfußball“, um vielleicht wieder Geld in die leeren Kassen der Vereine zu spülen, überhaupt kein Gehör. Ähnlich erging es mir auch bei den Herren der Spitzenklubs. Sie hatten kein Vertrauen zu dieser Novität und meinten, diese Art Fußball zu spielen würde beim breiten Publikum kein Interesse hervorrufen – und der Flop sei sozusagen vorprogrammiert. Hinter meinem Rücken hörte ich dann so Liebesgrüße wie ich sei ein „Phantast“ und das ganze wäre nur eine „Schnapsidee“.

Aber ein Skorpion gibt nicht so schnell auf. Meine nächste Station war die Wiener Stadthalle, wo Direktor Adolf Eder das Zepter schwang. Er war für meine Erfindung, Fußball auf das Parkett der Wiener Stadthalle zu verlegen, sofort Feuer und Flamme und erklärte mir, bei diesem Projekt mitzumachen. Der erste Lichtblick! Damit war das „Spielfeld“ gefunden, aber noch hatte ich keinen Klub, der mitmachen wollte. Nach mühevollen Verhandlungen gaben schließlich Austria, Simmering, der WAC und Rapid grünes Licht für ein Dreitage-Turnier, lehnten aber ein Nenngeld von 15.000 Schilling (€ 1.090,00) pro Klub für die Hallenmiete kategorisch ab. Daher zurück an den Verhandlungstisch bei Direktor Eder.

Nachdem ich ihm mein Leid geklagt hatte, sagte er spontan: „Ich schätzte Ihre Bemühungen und unterstütze Sie daher. Ich bin bereit, die Halle kostenlos zur Verfügung zu stellen und außerdem den Vereinen von den Netto-Einnahmen 33 Prozent Gewinnanteil auszuzahlen, wenn auch Sie bereit sind, die Technische Leitung des Turniers zu übernehmen.“ Das erste Hallenfußballturnier in der Wiener Stadthalle war geboren! Am 13. Februar 1959 war Premiere, am 14. und 16. Februar Schluss des ersten Bandenzaubers. Der erste Sieger hieß, ohne einen Punkt abzugeben, FK Austria Wien.

Allen Unkenrufen zum Trotz kamen an den drei Tagen 25.000 Zuschauer. Ein nie geahnter sportlicher und finanzieller Erfolg stellte sich ein.

1971 gastierte der FC Bayern München in Wien beim 13. Stadthallenturnier. Die Bayern zauberten, dass es eine Freude war und sie gewannen auch das Turnier vor Rapid und dem Sportklub. Die Austria nahm nicht teil. „Kaiser“ Franz Beckenbauer diktierte damals den Journalisten-Kollegen aus Deutschland in die Notizblöcke: „Wenn Sie richtigen und attraktiven Hallenfußball sehen wollen, dann müssen Sie nach Wien fahren!“

50 Jahre Wiener Hallenfußballturnier

Nun, dieses ruhmreiche Traditions-Turnier und große Stück Österreichische Fußballgeschichte – von 1959 bis 2009 – ist komplett verschwunden und die Erinnerung daran verblasst immer mehr. Es gehörte seinerzeit zum guten Ton, sich ab 26. Dezember, dem „Stefanitag“, alljährlich am Vogelweidplatz im 15. Wiener Gemeindebezirk einzufinden. Zu den „Heiligen Drei Königen“ war das Turnier wieder beendet. Josef „Pepi“ Argauer trat über 40 Jahre lang alljährlich als Turnierdirektor in Erscheinung. Sein Platz war stets „inmitten des Geschehens am Rande der Bande“ bei der Zeitnehmung.

Ableben einer der letzten Großen einer langen österreichischen Fußball-Ära

Sein letzter Aufritt in der Öffentlichkeit. Josef „Pepi“ Argauer im Juni 2001 im Festsal des Wiener Rathauses anlässlich der Feierlichkeiten „90 Jahre FAK“. Rechts im Bild Karl Stotz http://oepb.at/allerlei/zum-90-geburtstag-sir-karl-stotz.html. Foto: Fritz Duras

Sein letzter Aufritt in der Öffentlichkeit: Josef „Pepi“ Argauer im Juni 2001 im Festsaal des Wiener Rathauses anlässlich der Feierlichkeiten „90 Jahre FAK“. Rechts im Bild Karl Stotz. Foto: Fritz Duras

Bypass-Operation, ein steifes Bein zur „Erinnerung“ an den Zweiten Weltkrieg, sowie ein hohes Alter. Argauer war jenseits der 90 Jahre, als er im Zuge der feierlichen VIOLA GALA „90 Jahre FK Austria Wien“ am 29. Juni 2001 im Großen Festsaal des Wiener Rathauses erschien. Viele Freunde und Weggefährten von einst sahen ihn da zum letzten Mal.

Am 10. Oktober 2004 verstarb er knapp vor seinem 94. Geburtstag im Sanatorium Liebhartstal zu Wien-Ottakring. Als Simmeringer Original und „an echt´s Weanakind“ schloss er die meisten seiner „Handschlag-Qualität Transfer-Geschäfte“ beim Heurigen ab. Legendär waren seine Erzählungen und Ausführungen, wie er seine Spieler immer wieder anspornte, wie er ihnen mit Schmäh und Härte kam, ohne dabei allerdings ihre Achtung zu verlieren.

Die Schar der jungen Fußballer, die er bis zur Spitze brachte, ist unüberschaubar. Seine unerschütterliche Liebe zum heimischen Fußballsport und zu „seinen Buben“ hielt ihn jahrzehntelang fit und geistig gesund, auch wenn der Körper in den letzten Jahren längst nicht mehr mitgespielt hatte.

Viele alte Freunde schämten sich nicht ihrer Tränen anhand seiner Beisetzung am Gersthofer Friedhof.

Einer wie Josef „Pepi“ Argauer, der kommt nicht wieder!

Quelle: oepb

www.austria.wien

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www.oefb.at

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