Österreich / Vierter Sieg en suite gegen Deutschland in Simmering

Vor 100 Jahren: Die siegreiche ÖFB-Auswahl vor dem Länderkampf gegen Deutschland am 26. September 1920 auf der II. Simmeringer Had; Im Bild stehend von links: Rudolf Seidl, Ferdinand Swatosch, Richard Kuthan, Franz Hansl, Gustav Wieser, sowie Bundeskapitän Hugo Meisl, der in diesem Spiel mit Baar, Fuchs, Pacista und Seidl gleich vier Debütanten aufbot. Bildmitte von links: Otto Fuchs, Johann Baar und Leopold Nitsch. Vorne von links: Alexander Popovich, Johann Pacista, sowie Richard Beer. Foto: © oepb

Vor 100 Jahren: Die siegreiche ÖFB-Auswahl vor dem Länderkampf gegen Deutschland am 26. September 1920 auf der II. Simmeringer Had; Im Bild stehend von links: Rudolf Seidl, Ferdinand Swatosch, Richard Kuthan, Franz Hansl, Gustav Wieser, sowie Bundeskapitän Hugo Meisl, der in diesem Spiel mit Baar, Fuchs, Pacista und Seidl gleich vier Debütanten aufbot. Bildmitte von links: Otto Fuchs, Johann Baar und Leopold Nitsch. Vorne von links: Alexander Popovich, Johann Pacista, sowie Richard Beer. Foto: © oepb

Erfolge der rot-weiß-roten Fußballnationalmannschaft erfreuten die Österreichischen Fußball-Anhänger immer schon. Wenn der ÖFB-Triumph – so wie zuletzt am 2. Juni 2018 mit 2 : 1 – dann auch noch über den DFB ausfällt, dann natürlich umso mehr, da gerade österreichische Länderspiel-Siege gegen Deutschland wahrlich dünn gesät sind.

Blick in die Statistik

Bis heute – gerechnet vom 7. Juni 1908 bis eben zum 2. Juni 2018 – kreuzten die Österreicher mit den Deutschen auf dem grünen Rasen vierzig Mal die sportlichen Klingen. Die ernüchternde Bilanz aus heimischer Sicht: 9 Siege, 6 Unentschieden bei 25 Niederlagen. Die Tor-Differenz beträgt 57 : 90. Ganz anders verliefen diese Begegnungen allerdings am Beginn dieses Wettstreits, in fußballerisch grauer Vorzeit. Da hingen für die Deutschen die sportlichen Trauben, wenn es gegen Österreich ging, stets hoch, und die ersten vier Begegnungen (3 : 2, 2 : 1, 5 : 1 und 3 : 2) gewannen allesamt die Österreicher. Erst im sechsten Spiel, nachdem die fünfte Begegnung 3 : 3 geendet hatte, konnte eine Deutsche Auswahl Österreich mit 2 : 0 erstmals bezwingen.

Spielort Wien

Der ÖFB wurde zwar erst 1904 gegründet, jener Städtekampf zwischen Wien und Budapest am 12. Oktober 1902 gilt heute allerdings als das erste offizielle Länderspiel in der österreichischen Fußballgeschichte. Und gespielt wurde damals ausschließlich in Wien, wenn eben Österreich als Veranstalter auftrat. Dafür bot sich am Beginn, quasi zum fußballerischen Ursprung wenn man so will, gerne und oft der W.A.C.-Platz in der Rustenschacherallee im Wiener Prater an – den es übrigens heute noch gibt – die Heimspielstätte des Wiener Athletiksport-Club. Dieses Areal diente bis ins Jahr 1919 als Länderspielort. Später dann, ab dem Frühjahr 1921, als der Fußballsport mehr und mehr die Massen begeisterte, wurde die heute ebenso noch bestehende Hohe Warte in Wien-Döbling eröffnet, das Praterstadion, seit 1993 nach Ernst Happel benannt, kam erst 1931 hinzu.

Länderspielort Simmering

Der XI. Hieb von Wien, Simmering, galt vor 100 Jahren wahrlich noch als ländliches Idyll. Erst langsam entwickelte sich dort die voranschreitende Stadterweiterung und Industrialisierung und es gab Gstätten, Wiesen und Felder zuhauf. Und, man hatte Platz für einen großen Fußballplatz. Die „I. Simmeringer Had“ – „Had“ steht im übrigen für Heide – war ab dem Jahre 1906 im Bereich Zippererstraße, Ecke Rinnböckstraße, unweit der um die Jahrtausendwende dem Wiener Wohnbau zugeführten vier Gasometern angesiedelt. Im Laufe der Jahre wurde dieser Platz für die begeisterungsfähigen Simmeringer Fußball-Anhänger natürlich zu klein und aus der Idee, ein größeres Areal zu etablieren, wurde Realität. Die „II. Simmeringer Had“ entstand in der Grasbergergasse 189, Ecke Leberstraße 11, die gleich neben dem St. Marxer Friedhof, auf dem übrigens am 7. Dezember 1791 Wolfgang Amadeus Mozart beerdigt wurde, lag.

Zusage des ÖFB

Der 1. Simmeringer SC, finanziell wahrlich nie auf Rosen gebettet, nahm den Vorschlag des ÖFB, der sich an den Baukosten für ein 50.000 Zuschauer fassendes Stadion in Wien-Simmering beteiligen wollte, dankend an. Weiters versicherte der Fußball-Verband, von nun an die Länderspiele nur mehr auf der neuen Simmeringer Had austragen zu wollen. Und so begannen im Herbst 1919 in der Leberstraße 11 zu Wien XI die Bauarbeiten. Im Mai 1920 war die Spielstätte fertig gestellt, die Simmeringer gewannen ihr Eröffnungsspiel gegen die Wiener Amateure – heute der FK Austria Wien – vor 15.000 Zuschauern mit 1 : 0.

Schelte der Medien

Das im Jahre 1920 größte Stadion in Wien wurde von der schreibenden Zunft lediglich als „hübsche Sportanlage“ betitelt. Der Platz war mit den hohen Erdwällen, den vielen Sitzreihen und dem Spielfeld zwar riesig, aber die Holzzäune zur Sektorentrennung, die Büroräumlichkeiten, sowie die hölzernen Kabinen- und Waschräumlichkeiten für die Spieler wirkten unzeitgemäß. Ebenso fehlte die damals für die Leichtathletik vorgesehene Laufbahn für ein multifunktionales Sport-Stadion. Und, der 1. SSC hatte sich mit diesem Großprojekt immens verschuldet.

Länderspielsieg über Deutschland vor 100 Jahren in Wien-Simmering

Dies war allerdings alles einerlei, als am Sonntag, 26. September 1920, demnach auf den Tag genau vor 100 Jahren, Österreich auf der Simmeringer Had auf Deutschland traf. Es handelte sich dabei um das 62. ÖFB-Länderspiel in der Geschichte und das 4. Aufeinandertreffen mit Deutschland. Die Zuschauerzahlen schwankten zwischen 30.000 und 35.000 Fußball-Begeisterten.

Richard Kuthan (dunkles Trikot, ganz links) im Zweikampf mit der Deutschen Verteidigung. Aus Österreich gg. Deutschland, 3 : 2 (Pausenstand 0 : 0) vom 26. September 1920 vor 35.000 Zuschauern auf der II. Simmeringer Had. Foto: © oepb

Richard Kuthan (dunkles Trikot, ganz links) im Zweikampf mit der Deutschen Verteidigung. Aus Österreich gg. Deutschland, 3 : 2 (Pausenstand 0 : 0) vom 26. September 1920 vor 35.000 Zuschauern auf der II. Simmeringer Had. Foto: © oepb

Der Tag des Ferdl Swatosch

Zur Halbzeit stand es 0 : 0 und nachdem die Deutschen in der 56. Minute durch Debütant Hans Sutor vom 1. FC Nürnberg mit 0 : 1 in Führung gingen, begann der Triumphzug des 26-jährigen Ferdinand Swatosch. Dem Sturmtank des 1. Simmeringer SC gelang ein klassischer Hattrick an jenem Tag, selbst eine Gesichtsverletzung, zugezogen im Zweikampf mit dem Deutschen Torhüter Heinrich Stuhlfauth (1. FC Nürnberg), konnte ihn nicht hindern, bis zum Schluss alles zu geben. Gemeinsam mit dem bulligen Richard Kuthan (RAPID) wirbelten die beiden immer wieder die Deutsche Verteidigung gehörig durcheinander und Swatosch traf in der 64., der 83. und der 86. Minute. Leonhard Seiderer von der SpVgg Fürth konnte in der 87. Minute nur noch den Anschlusstreffer erzielen. Ganz Simmering stand Kopf und Ferdl Swatosch wurde von den Anhängern im Siegestaumel nach dem Schlusspfiff geschultert und vom Platz getragen.

Auszug aus Wiener Sport-Tagblatt vom 27. September 1920

Der unaufhaltsame Siegeszug, den der Fußballsport auf der ganzen Welt angetreten hat, kam auch bei uns gestern in sinnfälligster Weise zum Ausdruck. Auf der prächtigen Simmeringer Sportanlage standen einander die besten Fußballer Deutschlands und Österreichs gegenüber. Ein Sportereignis, das vor einer in Wien bisher unerreichten Zuschauerzahl von wohl weit über 30.000 Zuschauern vor sich ging. Die Freunde des Fußballsportes mussten gestern an dem wahrhaft imposanten Bild, das der mit Menschen übersäte wunderschöne Sportplatz bot, ihre helle Freude haben. Es war ein Anblick, wie wir ihn bisher nur aus Bildern von den größten englischen Sportereignissen kannten.“

Lediglich zwei Länderspiele in Simmering

Jener Anteil der Einnahmen in Höhe von 450.000 Kronen konnte der 1. SSC sehr gut gebrauchen, umso mehr, da die Länderspiele in Simmering bereits wieder zur Geschichte wurden. Nur noch einmal, am 9. November 1924 gegen Schweden (1 : 1) vor 40.000 Zuschauern wurde die II. Simmeringer Had zur ÖFB-Länderspielstätte. Das Problem lag an der Multifunktionalität der Anlage, der Verkehrsanbindung in der Vorstadt, fehlender gedeckter Tribünen und letzten Endes und auch an der Größe, da der Besucher-Zustrom beim Fußballsport mehr und mehr anhielt und die II. Simmeringer Had schlichtweg zu klein war.

Auszug aus Wiener Neueste Nachrichten vom 19. Jänner 1934

„Die Simmeringer machten, falschen Versprechungen trauend, aus ihrem Platz eine Sportkampfstatt – und waren kurze Zeit darauf „erledigt“. Sie verloren Platz und Mannschaft und führen heute das Dasein eines kleinen Klubs. Die Hohe Warte hatte Simmering den Todesstoß gegeben!“

III. Simmeringer Had

Seit 1970 spielen die rot-schwarzen Simmeringer nunmehr auf der III. Simmeringer Had, die direkt an der Simmeringer Hauptstraße 207-211 gelegen ist und die einen netten, kleinen Wiener Sportplatz darstellt, der am 23. Oktober 1982 beim Meisterschaftsgastspiel des SK RAPID Wien (1 : 4 aus Sicht der Simmeringer), mit über 8.000 Zuschauern an die Grenzen der Belastbarkeit kam. Heute verirren sich leider nur mehr gut 150 Zuschauer zu den Heimspielen dieses österreichischen Tradititonsvereins von 1901.

A23

An die II. Simmeringer Had erinnert heute leider nichts mehr. Jeden Tag rollen tausende Fahrzeuge über eine legendäre österreichische Spielstätte gedankenverloren – und teilweise auch verärgert im Stau stehend – immer wieder hinweg. Einzig und allein ein Brückenpfeiler der Südosttangente dient als stummer Zeuge einer längst versunkenen Epoche. Ein Länderspiel-Erfolg, noch dazu über Deutschland, und das ausgerechnet zu Wien-Simmering mit dem Ur-Simmeringer Ferdl Swatosch in der Hauptrolle, ist und bleibt jedoch ein Faktum, der Beachtung findet und wahrlich nicht in Vergessenheit geraten sollte.

Quelle: oepb

www.simmeringer-sc.at

Lesen Sie noch mehr über den ÖFB – wie gewohnt – bei uns bitte hier;

www.oefb.at

Und über die Bundesliga bitte hier;

www.bundesliga.at

 

 

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